Frühchen Lena wird ein Jahr alt und besucht mit ihren Eltern das Team im Klinikum Osnabrück (26.11.2011)

Drucken Drucken | PDF Version

Thomas Reichenberger kennen viele nur im Lila-Weiß des VfL Osnabrück. Für die Fans ist er „der Tommy“, ein Stürmer und Strahlemann. Ein Schlitzohr vor dem Tor. Immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vor einem Jahr aber hat Reichenberger das Glück des perfekten Timings verlassen: Seine Freundin Corinna Niemann brachte die gemeinsame Tochter Lena zur Welt. Vier Monate vor dem errechneten Geburtstermin.

In der Nacht, in der Niemann und Reichenberger ins Klinikum kamen, befürchteten sie das Schlimmste. Niemann hatte Wehen, der Arzt wenig Hoffnung.

Anderthalb Tage später war Lena da, 29 Zentimeter groß, keine 600 Gramm schwer.

Sie kam in den Inkubator. Kabel, Sonden und Röhrchen überall. Sie versorgten Lena mit Sauerstoff und Nährlösungen und verbanden sie so mit der Welt. Lenas Lebenszeichen hüpften als bunte Kurven und Zahlen über dunkle Monitore.

Hirnblutungen, Missbildungen und Infektionen sind als Folgen einer Frühgeburt nicht unüblich, erfuhren Niemann und Reichenberger. Auch Hör- oder Sehschäden gebe es mitunter. Tage vergingen. Warten, hoffen, bangen, verdrängen. Tags, nachts, immer.

„Es war total komisch, sie nicht auf den Arm nehmen zu dürfen. Wir konnten nur reden, damit sie unsere Stimme hört“, sagt Niemann.

Was Eltern in einer solchen Situation fühlen, weiß nur, wer sie erlebt hat. Worte, es zu beschreiben, gibt es nicht.

Die Eltern fühlten sich in den vier Monaten, die Lena in der Klinik verbrachte, mitunter hilflos. Aber sie waren es nicht. Da war das Ärzteteam um Dr. Yves Garnier, der die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum leitet, und Oberarzt Dr. Jürgen Nawracala sowie die Krankenschwestern. „Positiv, professionell und liebevoll“ seien die mit der Situation umgegangen, sagt Niemann. Reichenberger hebt hervor, wie „ehrlich und vorsichtig“ das Team die Eltern behandelt habe.

„Die Sorgen kann man den Eltern nicht nehmen“, sagt Dr. Burkhard Rodeck, „aber man kann ihnen das Gefühl geben: Die Kompetenz ist da und der bestmögliche Verlauf gewährleistet.“ Rodeck ist der ärztliche Leiter des Christlichen Kinderhospitals Osnabrück. Zwei Intensivstationen gibt es dort. Eine am CKO, eine im Klinikum. Die Zusammenarbeit beschreibt Rodeck als eng, und wenn es um die Struktur geht, sagt er nur: Besser geht es nicht.

In den vergangenen Jahren sind laut Rodeck jährlich etwa 60 Frühgeborene unter 1250 Gramm in Osnabrück geboren worden.

Jeder Fall ist anders, und immer stehen den Mitarbeitern ängstliche, manchmal sogar verzweifelte Eltern gegenüber. Die Ärzte nehmen sich Zeit, um deren Fragen zu beantworten. Erklären, was bei einer Frühgeburt passiert, welche Probleme auftreten können und wie die Krankenhaus-Mitarbeiter diesen begegnen. „Eine Frühgeburt zieht immer eine lange Betreuung nach sich“, sagt Rodeck.

In den Krankenhäusern gibt es Psychologen und Seelsorger. Sie helfen, wenn die Eltern mit der seelischen Belastung nicht allein fertig werden und wenn diese den Wunsch nach Beratung äußern. Sozialarbeiter helfen denjenigen, die beispielsweise mit der Bürokratie nicht zurechtkommen. Außerdem, sagt Rodeck, halte das CKO eine Stillberatung vor, und falls die Eltern anfangs professionelle Hilfe beim Umgang mit dem Kind benötigen, wenden sie sich an die Hebammen. Dazu tritt standardmäßig die medizinische Nachsorge. „Wir wollen Eltern und Kind nicht in ein Loch fallen lassen, wenn sie die Station verlassen“, sagt Rodeck.

Niemann und Reichenberger sitzen an ihrem Küchentisch, während sie erzählen. Lena schläft im Nebenzimmer. „Sie schläft sehr gut“, sagt Reichenberger, „nachts schläft sie durch. Überragend.“ Ein typischer Papa-Satz, ein typisches Reichenberger-Grinsen. Vater-Freude. Am 26. November wird der Grund dafür ein Jahr alt. Lena ist völlig gesund. Sie hatte das Glück, zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein.


Große Augen: Lena fühlt sich offensichtlich wohl auf dem Arm von Dr. Yves Garnier. Die Eltern Corinna Niemann und Thomas Reichenberger strahlen dazu. Sie sind Garnier und seinem Team sehr dankbar, dass Lena gesund und munter ist.Foto: Elvira Parton

Quellennachweis: NOZ vom 26.11.2011

Letzte Änderung: 28. November 2011